OT: »Autobiografija«, 1921
Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig
Mit einem Nachwort von Ramunė Bleizgienė
Und mit einem Text von Johannes Bobrowski
312 Seiten, € 26 [D] | € 26,70 [A]
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-912259-01-8
Žemaitė (1845–1921) wurde in eine polnischsprachige kleinadlige Familie in der westlitauischen Žemaitija geboren (nach der sie ihren Kunstnamen wählte) und fühlte sich zeitlebens dem einfachen Landleben nahe. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete sie einen Litauer, einen ehemaligen Leibeigenen. Mit fast 50 Jahren begann sie auf Litauisch zu schreiben: Geschichten über meist bäuerliche Frauenschicksale. Das Kopftuch nahm sie aus Solidarität mit der Landbevölkerung nie ab: Es wurde zum ikonischen Signum ihrer Erscheinung. Über soziale Verhältnisse und politische Umbrüche hinweg setzte sie sich für die Verbesserung der Lage der Frauen und eine Modernisierung der Gesellschaft ein.
Ihre Prosa ebenso wie ihre erstaunliche Autobiographie verfasste sie in mündlichem Ton, auf Litauisch mit žemaitischem Gepräge und polnischen, weißrussischen, russischen, jiddischen und deutschen Einflüssen. Was sie zu erzählen hatte, formulierte sie so, dass die Menschen sie verstanden. Allein das war schon ein politischer Akt, denn das Polnische galt als Sprache des Adels und der Oberschicht, und das Russische Reich versuchte, das Litauische und die lateinische Schrift aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Žemaitė war ein freiheitsliebender Geist – wenn es etwa um Frauenrechte ging oder um Religion und Ethik. Claudia Sinnig folgt in ihrer Übersetzung akribisch den sprachlichen Spuren, in denen sich die Ideen- und Sozialgeschichte niederschlägt, und bringt den humorvollen Erzählreichtum in eine lebenssatte deutsche Sprache, die über den Weg einer bis heute aufregenden Feministin vor der Zeit und über deren Lebens- und Liebesumstände Auskunft gibt.
»Es ist ein Glücksfall, dass Claudia Sinnig Žemaitės Autobiografie sowie einige weitere Erinnerungstexte übertragen hat. Sie sind nicht nur als persönliche, sondern auch als Zeitzeugnisse von unschätzbarem Wert. Außerdem vermitteln sie ein lebhaftes Bild einer ans Mündliche angelehnten Sprache, die sich die halb autodidaktische Schriftstellerin sozusagen erschaffen musste: aus einem dialektalen Litauisch, vermischt mit polnischen, russischen und jiddischen Ausdrücken. Die Übersetzerin hat sie meisterhaft wiedergegeben.«
Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung
»›Und ich dachte für mich‹ von der litauischen Schriftstellerin Žemaitė ist eine wiederentdeckte Autobiografie der besonderen Art. (…) Die vorliegende Biografie ist eine Verschränkung aus der eigenen Erfahrung sowie den traumatischen Erinnerungen ihres Mannes. Der Band ist sensibel von Claudia Sinnig übertragen, mit einem Glossar sowie einem unbedingt lesenswerten Kommentar von Ramunė Bleizgienė versehen. Ein atemberaubendes Werk, das in seiner schlichten Erzählkunst politische und persönliche Geschichte verquickt. Ein Must-read.«
Sylvia Treudl, Buchkultur