OT: Vår nattliga badort (1947–1954)
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Nachwort von Kristoffer Leandoer
263 Seiten, € 25 [D] | € 25,70 [A]
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-54-4
Stig Dagerman (1923–1954) schuf in seinem kurzen Leben ein eindrucksvolles literarisches Werk. In den Erzählungen kam es ganz besonders zur Vollendung. Mit viel Mitgefühl schildert er, oft nah am eigenen Leben, eindringlich vermeintlich beiläufige Begebenheiten und Beobachtungen. Tiefe Empfindsamkeit wechselt sich mit kompromissloser Direktheit und Ehrlichkeit ab. Auch stilistisch legt Dagerman in seinen Erzählungen eine große Bandbreite an den Tag, teils sind sie dem psychologischen Realismus zuzuordnen, teils einem existenziellen Symbolismus. Oft stehen Kinder im Mittelpunkt, etwa in »Die Memoiren eines Kindes«, worin von Dagerman selbst und seinem Leben bei den Großeltern erzählt wird, vom Schrecken und der Verängstigung, die sein Aufwachsen begleitet haben. Das titelgebende »Unser nächtlicher Badeort« dagegen erzählt von der Sehnsucht nach Unbeschwertheit und von der Schönheit im Alltäglichen, derer man sich nicht bewusst ist, bis man sie nicht mehr hat und zu vermissen beginnt.
Die zwischen mündlicher Erzählung und essayistischen Reflexionen changierende Sprache Stig Dagermans übersetzt Paul Berf mit beeindruckender Genauigkeit und prägnanter Brüchigkeit. Kein Wort ist zu viel, keine Formulierung will mehr, als sie ausdrückt. Immer geht es in den Geschichten um die Suche nach dem richtigen Leben, nach der Kunst, durchs Leben zu kommen und am Leben zu bleiben. Die emotionale Wucht seines Schreibens trifft uns Lesende unmittelbar, schüttelt uns durch und lässt uns, berührt von der Melancholie und beglückt von der Schönheit der Existenz, nach der Lektüre aus dem Buch wieder auftauchen.
»In ›Unser nächtlicher Badeort‹ herrscht, auch wenn sich die Texte inhaltlich und stilistisch kaum vergleichen lassen, ein besonderer, zeitloser Ton, der von Schönheit und Einsamkeit, Schmerz und Trauer, von Stille und Tod kündet. (…) Was Dagermans Erzählungen auszeichnet: eine lakonische, ruhige Sprache, in der ein sich plötzlich auftuender existenzieller Abgrund umso verstörender wirkt. Schicksal und Schuld, die das Konzept Freiheit zweifelhaft erscheinen lassen. Und nicht zuletzt das Empfinden, in einem inneren Gefängnis festzustecken und zum Leben mit all seiner Absurdität verurteilt zu sein. (…) Für Stig Dagerman war die Literatur eine Rettungsboje. Als sie ihm entglitt, er in eine Schreibkrise geriet, verlor er alle Kraft.«
Ulrich Rüdenauer, WDR3
»Erzählungen, die so facettenreich wie experimentierfreudig sind, die die Abgründe einer Ehe ebenso ausleuchten wie die der Arbeits- und Lebensverhältnisse der einfachen Leute. In den autobiografischen ›Memoiren eines Kindes‹ heißt es: ›Die Kunst, ein Dichter zu werden, besteht also unter anderem darin, nicht zuzulassen, dass das Leben oder die Menschen oder das Geld es einem abgewöhnen.‹ Dieser Band beweist eindrucksvoll, dass sich Dagerman nicht vom Leben hat korrumpieren lassen.«
Thomas Hummitzsch, Intellectures
»Harte Lebensrealitäten bilden den Hintergrund von stillen Dramen, voll Gewalt, Schuld, Begehren und Erbarmen, ohne in die Nähe von Sozialkitsch zu geraten. Nebenbei entsteht durch die Kinderperspektive ein poetisches Paralleluniversum. (…) Wie Imagination und Realität einander in dieser feingewebten Meditation über die Stille durchdringen, ist ein erzählerisches Meisterstück. (…) Stig Dagermans Erzählungen sind eine Entdeckung. Wärmste Empfehlung.«
Gudrun Hamböck, Ö1 Ex libris
»Es tummeln sich also einige Mörder in den von Paul Berf fabelhaft ins Deutsche übersetzten Erzählungen ›Unser nächtlicher Badeort‹. Doch der größte Mörder ist das Leben selbst. (…) Seine lakonische, zuweilen eisige Erzählkunst leuchtet die Existenz der Hoffnungs- und Erwartungslosen, der Getäuschten, Armen und Geängstigten aus. Mitleid kennt Dagerman nicht, dafür ist er zu wahrhaftig. (…) Kühl, poetisch, zuweilen rätselhaft ist Dagermans bildgewaltige Sprache, die im Individuellen das Allgemeine erkennbar werden lässt. (…) Wie es sich anfühlt, zu trauern, geliebt worden zu sein und einsam zu werden, daraus hat Stig Dagerman große Literatur gemacht, die in ihrer Düsternis und Traurigkeit, in ihrer Kraft und Entschiedenheit doch nur wie wir alle eine Antwort auf die Welt haben will.«
Heike Kunert, Die Zeit
»Der permanente Wechsel der Sujets und Stilregister in ›Unser nächtlicher Badeort‹ sorgt bei aller Schwere der größtenteils beschriebenen Verhältnisse für Kurzweil und kündet vom außerordentlichen Talent Stig Dagermans, sich auf knappstem Raum schriftstellerisch neu zu erfinden. Die Neuübersetzungen Paul Berfs stehen dem in Puncto Chamäleonkarma in nichts nach, sie changieren locker die Tonlagen und wirken immer stimmig. Vor dem zielsicheren Nachwort Kristoffer Leandoers kann man als Kritikerkollege schließlich nur noch niederknien und abschließend konstatieren: ›Unser nächtlicher Badeort‹ ist eine gemischte Tüte der Extraklasse – aufs Anregendste abwechslungsreich und jeden Cent wert!«
Maximilian Mengeringhaus, Deutschlandfunk Büchermarkt